Über die Bedeutung der Kindheit für Bergmans Werk wurde vieles geschrieben – weniges hingegen über das Altwerden und Altsein in seinen Filmen. Mit seinem 1957 entstandenen Film Wilde Erdbeeren wurde der durch Victor Sjöström verkörperte Professor zu einem der bekanntesten "Alten" der Filmgeschichte. In Ingmar Bergmans letztem Film, Sarabande, der hierzulande im Juni 2004 Premiere feierte, konfrontiert der heute sechsundachtzigjährige Regisseur uns mit einer ganz anderen Auffassung vom Altsein.
Von Johannes Leisen
Sie gestaltete sich schwierig, die gemeinsame Arbeit Ingmar Bergmans mit Victor Sjöström, einem der Großen des schwedischen Stummfilms, an dem Film Wilde Erdbeeren. In einem Interview aus dem Jahr 1968 erinnert sich Bergman: "Wenn Victor nur jeden Tag viertel nach fünf zu Hause war und pünktlich seinen Whiskeygrog bekam, ging es gut." (Björkman/Manns/Sima 1987, 156) Victor Sjöström war ohnehin nur schwer für das Projekt zu gewinnen und wollte dem jugendlichen Eifer des neununddreißigjährigen Bergman offenbar nicht so recht folgen. Doch die Vorstellung vom Alter, die Bergman sich gemacht hatte, kam Sjöström entgegen: "Du sollst nur unter einem Baum liegen und Erdbeeren futtern und an deine Vergangenheit denken, das ist nicht anstrengend", soll das schlagende Argument gewesen sein, das Carl-Anders Dymling, damaliger Chef der Svensk Filmindustri, hervorzubringen wusste. Die Darstellung des achtundsiebzigjährigen, auf der Schwelle zum Tode stehenden Professors durch den gleichaltrigen Victor Sjöström brachte es zu weitreichendem Ruhm und manifestierte ein eindringliches Film-Bild vom Altsein. Nach Wilde Erdbeeren taucht das Thema des Alterns in den Filmen Bergmans kaum mehr auf. Doch das Älterwerden ist in seinem Werk dennoch unübersehbar präsent: Durch die Beständigkeit seines Ensembles alterten nicht nur die Gesichter, sondern mit ihnen auch die Rollen. Erst als Bergman selbst schon erheblich älter war als Isak Borg, der Professor aus Wilde Erdbeeren, nämlich fünfundachtzig, wurde das Altsein wieder zum zentralen Gegenstand in seinem Film Sarabande. Dazwischen entstanden über zwanzig Kinofilme, eben jene, die insbesondere dadurch ihre Anerkennung erfuhren, dass sie einen ständig sich entwickelnden, unablässig suchenden Blick auf den Menschen bewiesen. Dieser Blick war immer der ganz persönliche ihres älter werdenden Regisseurs.
Für das Wiederfinden des Vergessenen ist in Wilde Erdbeeren eine Reise vonnöten: Eigentlich wollte Isak Borg ein Flugzeug nach Lund nehmen, doch ein drängender Impuls veranlasst ihn, die Reise mit dem Auto zu unternehmen. Erst durch diese langsame Annäherung an bekannte Orte wird das Erinnern überhaupt möglich. Wenn Professor Isak Borg zu dem Haus seiner Kindheit zurückkehrt, dann dringen seine Knabenzeit und seine frühe Jugend wie durch eine undichte Stelle mit unerwarteter Intensität in seinen Lebensabend. In Sarabande bedarf es einer solchen Annäherung nicht: Die Reise selbst überspringt Bergman hier vollständig und als Marianne (Liv Ullmann) in Johans (Erland Josephson) Haus steht und ihn hinter einer Fensterscheibe auf der Veranda beobachtet, ist sie noch immer unschlüssig. Es bedarf nur eines kurzen Gesprächs, eines Austauschs keineswegs verblasster Erinnerungen und schon brennen die alten Wunden wieder. In Sarabande erschließt sich die Vergangenheit nicht aus der Distanz, aus einer rückwärts gerichteten Perspektive. Stattdessen ist sie von schmerzhafter Präsenz. Schon beim ersten Gespräch knüpfen Marianne und Johan dort an, wo sie einst aufgehört haben. Die Figuren sind wieder verfangen in einem alten Geflecht, das die Zeit besser überdauert hat, als ihre ehemalige Erkenntnis, dass miteinander kein Auskommen möglich ist.
Die unterschiedliche Distanz der Figuren zu ihrer Vergangenheit spiegelt sich im grundsätzlichen Verhältnis von Alter und Jugend: Der Gruppe Jugendlicher, die Isak und seine Schwiegertochter auf ihrer Fahrt nach Lund mitnehmen, ist das Alter ganz offensichtlich genauso fern, wie Isak die eigene Jugend, die erst mit der Reise zum früheren
Familienhaus unerwartet in sein Bewusstsein tritt. "Ein grausamer Gedanke, alt zu werden", sagt Sara (Bibi Andersson), zeigt sich aber gleichzeitig beeindruckt von der Entrücktheit des alten Professors. Die Unbekümmertheit auf der einen und die Nachdenklichkeit auf der anderen Seite schaffen eine zwar womöglich plakative, in jedem Falle aber unübersehbare Distanz zwischen Jugend und Alter. Ganz anders verhält es sich in Sarabande: Hier findet eine Gegenüberstellung von Alter und Jugend zur wechselseitigen Charakterisierung nicht statt. Weder den »Alten«, Marianne und Johan, noch der jungen Cellistin Karin, der Enkelin Johans, weist Bergman derartig pauschalisierende Attribute zu; das Alter tritt nicht weiser auf als die Jugend, die Jugend nicht sorgloser als das Alter.
In der Eröffnungsszene von Wilde Erdbeeren sitzt Professor Borg an seinem Schreibtisch, inmitten von Familienfotos. Seine Stimme aus dem Off stellt uns seine Familie vor, die sich in Form von Fotos um ihn gesellt. Ähnlich gestaltet sich der Prolog in Sarabande: Marianne sitzt vor einem großen Schreibtisch, auf dem Fotos kistenweise ausgebreitet worden sind. Sie stellt uns ihre Kinder und Johan vor, die wir lose aus Szenen einer Ehe kennen und eröffnet uns: "Lange ging ich herum und überlegte, ob ich Johan mal besuchen sollte". Es ist ein ähnlich vager Impuls wie jener, der Isak Borg nach einem beunruhigenden Traum veranlasst, mit dem Auto zu reisen, statt ein Flugzeug zu nehmen. In beiden Filmen ist die Rückkehr in die Vergangenheit nicht das Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Dennoch lassen sich die Motivationen schon früh ausmachen: Professor Borg sieht sich durch einen Traum zu dem Gefühl veranlasst, mit dem Leben noch eine Rechnung offen zu haben; zwar hat er sich selbst in den vergangenen Jahren zunehmend zurückgezogen, doch jetzt, da sich der Tod als scheinbar einziger Ausweg aus dieser Isolation offenbart, zieht es ihn zurück ins Leben, das in seinem Fall ein vergangenes ist. Und mit diesem möchte er sich versöhnen. In Sarabande findet sich ein solcher Drang nach Versöhnung noch nicht einmal in jenem Impuls wieder, der Marianne veranlasst, Johan zu besuchen. Sie ist ebenfalls einsam, doch nicht als Folge eigener Wahl. Vielmehr hat sich ihre Familie, auf die sie einst so stolz war, zerstreut; ein jeder hat sich vom anderen distanziert. Eine Versöhnung ist nicht ihr Ziel, vielmehr scheint es wieder einmal derselbe sehr weibliche Zug an ihr zu sein, der schon in Szenen einer Ehe für ihren Charakter prägend war: "Immer wieder anfangen wollen, es für möglich halten." (Walser 2003, 89) Doch gleich nach dem ersten Gespräch lässt Marianne uns wissen: "Gott, wie ich es bereue" – ihre vage Hoffnung, fündig zu werden, in welcher Form auch immer, hat sich zerschlagen.
Es scheint kein Wesensunterschied zu bestehen, wenn Professor Isak Borg in Wilde Erdbeeren sagt, er habe auf ein "miteinander leben gern und freiwillig verzichtet" und wenn Johan feststellt: "Mein Fazit ist, dass mein Leben verfluchte Scheiße war – ein völlig verfluchtes, bedeutungsloses Scheißleben." Beiden ist es nicht möglich, eine versöhnliche Position zu ihrem Leben einzunehmen. Doch auf Isak lastet die Angst, für seine "Selbstsucht, Gefühlskälte und Selbstgefälligkeit" zur Rechenschaft gezogen zu werden. Zermürbt von seiner selbstverschuldeten Einsamkeit ist in ihm jener drängende Wunsch nach Versöhnung entstanden, der in den Träumen vom anstehenden Tod und von der Konfrontation mit sich selbst ein Ventil findet und an die Bewusstseinsoberfläche dringt. Johan, der fast zehn Jahre älter ist als Borg, hat ein derartiges Bewusstsein nicht. Das Fazit, sein Leben sei "verfluchte Scheiße" gewesen, ist nicht mehr als die Sehnsucht nach einem Abschluss. Seine gegenwärtige Unzufriedenheit projiziert er auf das vergangene Leben; indem er es verachtet, distanziert er sich von ihm und zieht sich aus der Verantwortung.
Indem Bergman in Wilde Erdbeeren auf Träume und deren abstrakte Symbolik zurückgreift, um die Angst vor dem Tod zu beschreiben, gerät Professor Borg in die Aura eines Schwebezustandes, irgendwo zwischen Leben und Tod. In den Träumen Isaks, die als Vorboten des Todes auftreten, zieht sein alter Ego ihn in einen Sarg, die Uhren haben keine Zeiger mehr. Auf diese Weise bleibt die Angst vor dem Tode in Wilde Erdbeeren immer ein abstrakter Gedanke. Bergman lässt seinen Professor Borg zwar dessen nahe stehenden Tod erahnen, doch wirklich empfinden lässt er ihn diesen nicht. Für eine konkrete und individuelle Erfahrung setzt sich die Todessymbolik in Wilde Erdbeeren zu sehr aus metaphorischen Allgemeinplätzen zusammen. Erst in späteren Filmen flackert die Angst vor dem Tode in konkret Benanntem auf. So äußert sich bei Jenny (Liv Ullmann) in dem 1976 entstandenen Fernseh- und Kinofilm Von Angesicht zu Angesicht die Angst vor dem Tode in Form eines Ekels vor dem Alter: "Ich finde alte Menschen ekelhaft. Sie riechen immer so entsetzlich". In dem vier Jahre später entstandenen Film Aus dem Leben der Marionetten zeichnet sich eine Formulierung ab, die Bergman auch in Sarabande wieder aufgreift: "Ich werde von Kräften gesteuert, die ich nicht meistere", sagt der Modemacher Tim (Walter Schmidinger) während er sich und sein physisches Altern mit Sorge im Spiegel betrachtet. "Vielleicht ist es das Altern an sich, die Verwesung. [...] Man wird so. Man wird ganz einfach so." Die Formulierung erinnert an das im Titel geführte Motiv der Marionette: Das Altern erscheint als eine äußere Kraft; etwas, dass nicht aus dem Menschen heraus entsteht und nicht begleitet wird von einem veränderten Bewusstsein dem zurückliegenden Leben gegenüber, wie es in Wilde Erdbeeren der Fall war. "Ich bin nicht traurig", sagt Johan, indem er nass geschwitzt und ängstlich in der letzten gemeinsamen Szene im Dunkeln vor Marianne steht, "es ist viel schlimmer, ich habe eine Scheißangst. Und diese Angst ist viel stärker als ich. [...] Ich bin zu klein für meine Angst." Daraufhin fragt Marianne: "Hast du Angst vor dem Tod, Johan?" Und dieser antwortet: "Ja, ich würde wohl am Liebsten schreien. Was soll man nur mit einem weinenden Kleinkind anfangen, dass nicht auf Vernunft und Trost hört." In Aus dem Leben der Marionetten beschreibt Tim, er fühle sich noch immer wie ein "zehnjähriger", tatsächlich aber sei er "ein kindlicher alter Knacker."
Wenn Johan darum bittet, sich zu Marianne ins Bett legen zu dürfen, sie bittet, sich ebenfalls auszuziehen, dann rührt der erbärmliche Anblick des Alten, es rührt die Feststellung, dass in Sarabande auch im Alter nichts sich anders verhält, als es immer schon war. Nichts gibt es hier, dass die Alten des Lebens entrücken würde – eine schmerzliche Profanisierung des Alters möchte man sagen. In Wilde Erdbeeren gestattet es Bergman seinem Protagonisten letztlich, mit sich ins Reine zu kommen: Isak Borg tilgt die Schulden seines Sohnes und wird für diese vermeintlich selbstlose Tat durch einen glücklichen Traum belohnt. Hier verbirgt sich angesichts des nahenden Todes eine Chance, die Verfangenheit im eigenen Leben zu überwinden. Dagegen zeigt Sarabande, dass der Mensch mit dem abstrakten Wissen, dass sein Leben sich dem Ende neigt, kaum etwas anzufangen weiß. Was soll er auch tun? Schließlich kennt er nichts anderes als das Leben und wird diesem, solange sein Herz noch schlägt, stets verhaftet bleiben.
Im Mai 2004, so heißt es, habe Ingmar Bergman seine Wohnung in Stockholm aufgelöst und auch sein Büro im Königlichen Dramatischen Theater geräumt, um nun ganz und gar in seiner Wahlheimat Fårö (Gotland) zu leben. Von den Dreharbeiten zu Sarabande wird berichtet, Bergman habe mit Nachdruck auf geregelte Arbeitszeiten und einen pünktlichen Feierabend bestanden. Während seines fast sechzigjährigen Filmschaffens zeigte Ingmar Bergman eine deutliche, doch fließende Abwendung von anfänglichen Inhalten. Früher bürdete er seinen Figuren die "großen" Themen auf, die Suche nach Gott und die Konfrontation mit dem Tode. Doch in den sechziger Jahren, seiner fruchtbarsten Zeit, vollzog sich ein Prozess der Konzentration auf den Menschen selbst. In den Filmen der späten sechziger, aber vor allem in denen der siebziger Jahre – denkt man etwa an Die Berührung, an Szenen einer Ehe oder an Herbstsonate – offenbart sich der Mensch als ein Wesen, das nach sehr vorhersehbaren Mustern fühlt und handelt. Er erscheint als Marionette seiner Gefühle. In Sarabande hängt er als verhedderte Gestalt in den Bindfäden des Lebens. Doch er strampelt ohne Unterlass. Daran wird ihn auch das Wissen um einen nahenden Tod nicht hindern.
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