

In den neunziger Jahren steht der dänische Film insbesondere im Zeichen eines "Keuschheitsgelübdes", bestehend aus zehn Geboten, die Machart der Filme betreffend. Außer Lars von Trier und Thomas Vinterberg zählen der Filmregisseur Søren Kragh-Jacobsen und der Werbefilmer Kristian Levring, sowie (kurzzeitig) die Dokumentarfilmerin Anne Wivel zu den Erstunterzeichnern des Dogma 95-Manifestes. Die medienwirksame Präsentation des roten Papiers mit den zehn Regeln findet im Frühjahr `95 bei einer Konferenz im Odeon-Theater anlässlich des hundertsten Geburtstags des Films statt. Die ersten Dogma-Filme, Das Fest (1998) und Idioten (1998), laufen drei Jahre darauf im Wettbewerb von Cannes, wo Das Fest den Sonderpreis der Jury gewinnt; als dritter Dogma-Film erhält Mifune auf der Berlinale 1999 den silbernen Bären. An die fünfzig Filme folgen bis in die jüngste Gegenwart den Regeln des Manifestes, und dies keineswegs nur innerhalb der Grenzen Dänemarks oder gar Europas; Dogma wird rasch zu einem immensen kommerziellen Erfolg.
Indes erlangt das medienwirksame Konzept aber auch künstlerische Bedeutung – so zeigt sich bald, dass die Regeln "als Ansporn des kreativen Prozesses aufgefasst wurden" (Achim Forst). Selbstbeschränkung als Befreiung also, nicht zuletzt als Befreiung von der Professionalisierung des kommerziellen Filmwesens, als nachdrückliche Absage an einen filmischen Apparat, der das Erzählen bestimmt.
Durch die weitgehende Emanzipation von aufwändiger Spielfilmtechnik, eine realistische Schauspielführung und aufgrund der bevorzugten Sujets bewegt sich das Dogma auf der Grenzlinie zum Dokumentarismus – es zeigt sich hier "dieselbe Tendenz, die schon im Bestreben des Neorealismus erkennbar wurde, die Illusionskunst zu verbannen und eine wahre Darstellung der Wirklichkeit anzustreben – jedoch immer im Rahmen der Fiktion" (Peter Schepelern). In eben jener "Dialektik zwischen Fiktion und Wahrheitssuche" (Schepelern) liegt die Qualität der Dogma-Produktionen. Dass diese Konzeption jedoch keine originäre Leistung ist, wird vielfach angemerkt; spätestens das New American Cinema, im Besonderen John Cassavetes mit seinen Filmen Schatten (1959) und Ehemänner (1970) vertrat diese Arbeitsweise, ebenso der neue Realismus im britischen Kino der siebziger Jahre.
"Dogma 95 begann als eine Triersche Extravaganz, ein ironisches Experiment [...]. Dann aber, aufgrund ihrer innovativen und stimulierenden Herangehensweise an das filmische Medium, errangen die ersten dänischen Dogma-Filme beachtliche Erfolge – und übertrafen deutlich die anfänglichen Erwartungen" (Hallberg/Wewerka 2001, 367), beschreibt Peter Schepelern die Entwicklung und erläutert weiter: "Mit den Worten des Philosophen Feuerbach vom 1838: 'Dogma bedeutet nichts anderes als ein ausdrückliches Verbot zu denken.' Dieser Aspekt steckt als ironische Schicht in Dogma 95, denn das Dogmatische und das Bahnbrechende stehen hier in direktem Widerstreit." In dieser Ambivalenz bewegt sie sich stets, die Rezeption der Filme durch Publikum und Kritiker: "Ich würde schon sagen, dass man Dogma in gewisser Weise auch als Rettungsaktion für das europäische Kino auffassen kann – durchaus auch und in erster Linie in ökonomischer Hinsicht, aber auch im Sinne einer scheinbaren Erneuerungsbewegung. Dennoch ist es ja relativ evident, dass Dogma keine tatsächliche Avantgarde war, weil an dem Projekt Dogma auch nichts Neues war." (Andreas Jahn-Sudmann)
Einunddreißig Filme erhalten das Dogma 95-Zertifikat bis das für deren Erteilung zuständige Sekretariät im Juni 2002 geschlossen wird; weitere Filme folgen dennoch.