






In den ersten Nachkriegsjahren, in denen man in Deutschland den verlorenen Krieg in Form von Inflation, Hungersnöten und Aufständen voll zu spüren bekommt, vollzieht die deutsche Filmkunst nach einer Phase der Bedeutungslosigkeit während der Krieges eine Hinwendung zum Expressionismus, der in anderen Zweigen der Kunst ? insbesondere der Malerei, Skulptur, der Literatur und des Dramas – bereits in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts aufgekommen ist und im Allgemeinen seine Blütezeit bereits erlebt hat. Bewusst wendet man sich im expressionistischen Film von einer objektiven Weltdarstellung zugunsten des subjektiven Ausdrucks ab. Die tägliche Erfahrung, dass man der Realität ebenso wenig entrinnen kann wie sich selbst, schlägt sich in alptraumhaften Darstellungen nieder, in seinen jeder Stabilität beraubten Kulissen spiegeln sich die gebrochenen Seelen der Helden. Doch ist die Entstehung des expressionistischen Films nicht ausschließlich durch die Nachkriegserfahrung zu erklären: Schon ein Jahr vor Beginn des Krieges zeigte der frühe deutsche Film, insbesondere mit Paul Wegeners Der Student von Prag (1913), ein Interesse an der symbolhaften Darstellung seelischer Verfassungen. Hier tritt bereits das Motiv des von fremden Kräften bestimmten und moralisch nicht haftbaren Menschen hervor, das sich als Leitmotiv durch den expressionistischen Film der zwanziger Jahre zieht. Erst mit dem Auftreten des Autors Carl Mayer, auf dessen Initiative das Drehbuch zu Das Kabinett des Dr. Caligari entstand, wird der expressionistische Film zu einer breiten Strömung mit internationaler Beachtung. "Es war allgemein üblich, auf den deutschen Film zu blicken, um den wahren Gebrauch des filmischen Mediums zu sehen." Paul Rotha, The Film Till now. London 1960. S.252 Mayer beschreib in seinem Drehbuch seine genaue Vorstellung von der filmischen Umsetzung, von den Kulissen, der Kameraführung, der Lichtsetzung, die von Regisseur Robert Wiene in der Verfilmung auch entsprechend umgesetzt wurden. Durch die Fülle filmischer Innovationen, die unübersehbare Neuartigkeit seiner Form, wird Das Kabinett des Dr. Caligari nach seiner Premiere am 26. Februar 1920 im Berliner Marmorhaus zum Schlüsselfilm einer expressionistischen Filmkunst, die sich jedoch in wenigen nachfolgenden Jahren bereits in der Repetition erschöpft. Die expressionistische Form verkommt zur bloßen Zierde und scheitert letztlich an den Schwierigkeiten, die auch Das Kabinett des Dr. Caligari szenenweise nicht hat überwinden können: An dem Gegeneinanderarbeiten der Dreidimensionalität bewegter Fotografie und dem zweidimensionalen, artifiziellen Charakter der Kulissen. Dieses offenbar erkennend, wendet sich als erster Carl Mayer, nach einem zweiten expressionistischen Film mit Robert Wiene, Genuine (1920), bereits 1921 vom "Caligarismus" ab und widmet sich der Arbeit an Kammerspielfilmen.
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