







Als Reaktion auf den künstlerisch kaum ambitionierten britischen Film seit Ende des Krieges, präsentieren zwischen 1956 und 1959, unterstützt vom British Film Institute, eine jüngere Generation von Filmemachern, namentlich Lindsay Anderson, Karel Reisz und Tony Richardson, später Lorenza Mazzetti, Walter Lassally and John Fletcher unter dem Titel Free Cinema sechs Programme mit sozialdokumentarischen Kurzfilmen im Londoner National Film Theatre. Den Charakter einer zielgerichteten Bewegung erhalten die Vorführungen des Free Cinema durch begleitende theoretische Manifeste, in denen die jungen Filmemacher ihre Absicht herausstellen, der englischen Filmproduktion eine sozial engagierte, der Wirklichkeit zugewandte Filmauffassung entgegenzusetzen.
Es ist der Alltag, jener von Arbeitern, Jugendlichen, von Sportlern oder Künstlern, aus denen die jungen Regisseure ihre Sujets beziehen. Ihre ersten Filme beschränken sich vornehmlich auf seine Abbildung, wenngleich vielfach eine Erzählerstimme den Vorgang kommentiert und der persönlichen Bewertung durch den Regisseur unterzieht.
Nach dem Erfolg erster halbdokumentarischer Kurzfilme wenden sich die führenden Regisseure des Free Cinema bald der Inszenierung von abendfüllenden Filmen zu. Erstmals zeigen nun, nachdem die ungeschönte Wirklichkeit bereits in der zeitgenössischen Literatur der "Angry Young Men" und im zeitgenössische Theater ihre Darstellung gefunden hat, auch die Kinos ein England der Arbeiterklasse.
Nach einer kurzen New Wave, die sich in der Hauptsache auf die Verfilmung sozialkritischer Literatur stützt, verschwimmen jedoch nach der kurzen Blütezeit zwischen 1960 und 1962 zunehmend die Grenzen des ursprünglich avantgardistischen Free Cinema zur kommerziellen Spielfilmproduktion.
"Man hat das englische Free Cinema oft in Beziehung gesetzt zur französischen Neuen Welle, der das Free Cinema um etwa drei Jahre vorausging. Aber trotz der scheinbaren Parallelität eines Generationswechsels haben beide bewegungen im Grunde wenig miteinander zu tun; denn während die französische Neue Welle vor allem dem Individualismus und dem Schöpfertum der jungen Filmautoren freie Bahn geben wollte, an einer stilistischen Erneuerung des Filmmediums interessiert war, während die französischen Autoren bevorzugt von ihrem persönlichen Erfahrungen berichten wollten, es es den Engländern mehr um die Schilderung der sozialen Realität, um die Sondierung des Banalen, Alltäglichen, Durchschnittlichen mit den Mitteln des Films. Der Impetus der englischen Schule war mehr auf Abbildung der Wirklichkeit gerichtet als auf die Projektion der Subjektivität des Filmemachers." (Gregor 1983a, 182)