

In den zurückliegenden Jahren brachte die schleichende Inflation tief greifende soziale Veränderungen mit sich, welche die inländischen Filmproduktionsgesellschaften in Mitleidenschaft zogen und einen teilweisen Zusammenbruch der Treuhandstrukturen bewirkten. Doch gerade diese Veränderungen bringen in diesen Jahren junge Regisseure hervor, die nicht von verlockenden kommerziellen Aussichten zum Film gelockt werden. Sie produzieren Experimental- und Avantgardefilme, heißen Louis Delluc, Germaine Dulac, Abel Gance, Marcel L'Herbier und Jean Ebstein und vertreten die Auffassung, Kunst transportiere ausschließlich individuelle Erfahrungen, niemals Wahrheiten. Daher solle das Kino "Gefühle statt Geschichten" transportieren. "Es ist zu bezweifeln, ob der Film eine erzählende Kunst ist." Germaine Dullac, 1918 "Ein großer Film muss wie eine Symphonie konzipiert werden, wie eine Symphonie in Zeit und Raum." Abel Gance, 1929 Die Avantgardisten machen sich auf die Suche nach dem "spezifisch Filmischen" und finden es im visuellen Ausdruck. Hierin, so postulieren sie, läge die Grundlage für eine den anderen Künsten ebenbürtigen "siebte Kunst" – "Wie eine Symphonie in Zeit und Raum" solle man den Film auffassen, fordert Abel Gance. Dabei ging es der französischen Avantgarde nicht darum, konventionelle Stoffe auf eine neue Art zu verfilmen, sondern darum, die Dinge, jenseits des Erzählbaren, also individuell empfundene Gedanken und Gefühle, filmisch zu erfassen. Ihre Filme werden in Filmclubs, wie dem Pariser Ciné-Club und den in den 20er Jahren in Paris entstehenden spezialisierten Kinos aufgeführt und diskutiert. Überhaupt entwickelt sich in diesen Jahren die theoretische Diskussion um das Medium Film, das erstmals auch im Kreise Intellektueller Beachtung findet. Gleichzeitig jedoch erreichen die Filme dieser "ersten französischen Avantgarde" das breitere Publikum kaum noch – zu sehr verlieren sie den menschlichen Bezug in formalen Experimenten.
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