








Dass dem Qualitätsdenken, welches die künstlerische Entwicklung des französischen Films in den fünfziger Jahren lähmte, bald mit einem Gegenkonzept begegnet werden würde, war in der bewegten französischen Kinematographie, die seit jeher ein Kino der Avantgarde ist, nur eine Frage der Zeit. Bereits zu Beginn der fünfziger Jahre drehten die jungen Regisseure Alexandre Astruc, Agnès Vardas und Roger Vadim Filme, in denen sich in Tendenzen bereits das ankündigt, was mit Ende der fünfziger Jahre einen Namen erhalten sollte: Die Nouvelle Vague ("Neue Welle"). Der Begriff bezeichnet eine Stilbewegung, die sich in Claude Chabrols Die Enttäuschten (1958) erstmals konsequent niederschlägt, über Francois Truffauts Film Sie küssten und sie schlugen ihn weitläufig bekannt wird und in Jean-Luc Godards Außer Atem (1960) ihren Schlüsselfilm erhält. Die jungen Regisseure – Chabrol, Truffaut, Godard, Malle und Rohmer – stehen, neben der älteren Generation, etwa Alain Resnais, im Zentrum des französischen Films der sechziger Jahre. Erstmals steigt durch sie eine ganze Generation von Filmemachern auf, bei denen das praktische Filmschaffen auf eine langjährige, vorwiegend theoretische Beschäftigung mit dem Film folgte: Zuvor schrieben sie Filmkritiken u.a. für die Zeitschrift Cahiers du Cinema und legten ihre Vorstellungen vom "Film von Morgen" (Truffaut) in Essays dar. Die grundlegende Andersartigkeit, die die Nouvelle Vague zu einer solchen macht, ist die programmatische Missachtung des konventionellen filmischen Regelwerks, eine Haltung, die dem Qualitätsfilm ganz offenkundig widerspricht. Dies schlägt sich nicht nur im Handwerk nieder, das seine Mangelhaftigkeit selbstbewusst und provokant in Achsensprüngen, holprigen Schnitten und unglücklichen Beleuchtungssituationen zur Schau stellt; auch die Erzählstrukturen und die Figurenzeichnung zeigt eine Verweigerung der Autoren vor den konventionellen Vorstellungen narrativer Plausibilität.
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