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Italienischer Neorealismus

Nach einer fast vollständig von den Kunstvorstellungen des Faschismus geprägten italienischen Filmproduktion der dreißiger und frühen vierziger Jahre macht der italienische Film mit Ende des Krieges einen Prozess der künstlerischen Bewusstwerdung durch. Den Vorstoß dazu bereitet die Filmkritik, die bereits 1943 auf die Notwendigkeit einer Filmkunst aufmerksam macht, welche die sich aufdrängenden gesellschaftlichen Probleme in angemessener Weise zu spiegeln weiß. In diesem Zusammenhang taucht, ebenfalls 1943, zum ersten Mal der Begriff des »neo-realismo« in einem Text des Filmtheoretikers Umberto Barbaro in der Zeitschrift Film auf. Tatsächlich ist der Neorealismus nicht eine völlig neue Entwicklung, wenngleich der Begriff dies suggeriert; bereits in den 1910er Jahren brachte es die italienische Filmproduktion neben der breiten Masse historischer Ausstattungsfilme zu einigen wenigen in ihrem Ansatz sozialkritischen, realistischen Filmen, besonders Sperduti nel buio (1914) von Nino Martoglio. Später entstanden auch innerhalb der französischen, der sowjetischen und vereinzelt auch der Filmproduktion anderer Länder Filme mit ähnlicher stilistischer Ausrichtung. Zwar noch nicht an den Begriff des Neorealismus geknüpft, erscheint 1943 in der italienischen Filmzeitschrift Cinema, der offiziellen Filmzeitschrift der faschistischen Regierung, eine Art Manifest, in dem sich bereits die grundsätzlichen Charakteristika des Neorealismus finden (siehe Kasten). 1. Nieder mit der naiven und manierierten Konventionalität, die den größten Teil unserer Produktion beherrscht. 2. Nieder mit den phantastischen oder grotesken Verfertigungen, die menschliche Gesichtspunkte und Probleme ausschließen. 3. Nieder mit jeder kalten Rekonstruktion historischer Tatsachen oder Romanbearbeitungen, wenn sie nicht von politischer Notwendigkeit bedingt ist. 4. Nieder mit jeder Rhetorik, nach der alle Italiener aus dem gleichen menschlichen Teig bestehen, gemeinsam von den gleichen edlen Gefühlen entflammt und sich gleichermaßen der Probleme des Lebens bewusst sind. Filmzeitschrift Cinema, 1943 Neben den Tendenzen, welche die Filmkritik in diesen Jahren in fordernder Weise zu formulieren weiß, waren es besonders erste Filme mit neorealistischer Tendenz, bereits 1942 entstanden, die den Vorstoß zu einer neuen Filmkunst leisteten. Der erste Film, der einen neorealistischen Stil bereits erkennen lässt, ist Quattro passi fra le nuvole (1942), insbesondere aber bereitet Luchino Viscontis Verfilmung von James M. Cains Kriminalroman »The Postman Always Rings Twice«, Ossessione (1943), dem Neorealismus den Boden in formaler Hinsicht. Mit Ende des Krieges hat der italienische Neorealismus mit den Filmen Roberto Rossellinis zu jener Gestalt gefunden, die in den Folgejahren die europäische Filmkunst als weltweite Avantgarde anführen wird: Die einer engangierten, kritischen und unbedingt gegenwartsbezogen Filmform, die mit dokumentarischer Kamera nach Wirklichkeitserfassung in einem traumatisierten Nachkriegseuropa strebt. Ihr thematischer Schwerpunkt liegt auf dem individuellen Schicksal, in dem sich jedoch stets die kollektive soziale Verfassung reflektiert.

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Stand: September 2010